Interview mit Guido Pancaldi

Unweigerlich verbunden mit Erinnerungen an "Spiel ohne Grenzen" sind die Schiedsrichter,Guido Pancaldi und Gennaro Olivieri.Sowohl in  diversen TV-Foren als auch hier auf dieser Seite gibt es immer wieder Anfragen nach den beiden sympathischen Schweizern.
Erfreulicherweise hat sich Guido Pancaldi bereit erklärt,mir ein Interview zu geben und dabei einige Einblicke in die Welt dieser damals so beliebten Spielserie zu geben.
Von 1966 bis 1982 bildete er das Hauptschiedsrichtergespann mit seinem Freund Gennaro Olivieri.Von 1983 bis 1987 pausierte "Spiel ohne Grenzen".Als es 1988 wieder auf Europas Bildschirme zurückkehrte,wurde Guido Pancaldi für zwei weitere Jahre zum Hauptschiedsrichter.Dann jedoch mit Mike Swann als Partner.Nach dem internationalen Finale am 29.Juli 1989 in Funchal/Portugal hängte er seine Pfeife endgültig an den berühmten Nagel.

Guten Tag, Herr Pancaldi.Vielen Dank, daß Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen.

Was viele Fans gar nicht wissen: Sie und Gennaro Olivieri waren ja international bekannte Profi-Eishockeyschiedsrichter.Wie kamen Sie zu "Spiel ohne Grenzen"?

GP:  Da hole ich am besten etwas weiter aus.Das dauert dann zwar länger,ist aber genauer.

Also,begonnen hat alles mit einer italienischen Sendung.Die hieß "Campanile sera" und lief seit 1959.Dort war übrigens schon Popi Perani dabei,der später all diese wundervollen Spiele für die italienischen Ausgaben erdachte.Diese Sendung kopierte dann Guy Lux in Frankreich,dort hieß es dann "Intervilles" und lief ab 1962.Jeweils 2 Städte traten gegeneinander in allerlei Spielen an,auch einen Joker gab es schon.Später wurden hier die Teilnehmer für die internationalen Runden ermittelt. 

Nach einigen Sendungen jedoch wollte Guy Lux diese wieder aufgeben.Er ging zu seinem Programmdirektor und teilte ihm das mit.Da geschah ein kleines Wunder:Der Programmdirektor gab den ausdrücklichen Befehl,daß diese Sendung weitergeführt wird.Er war sich absolut sicher,daß sie ein Erfolg werden wird.Guy Lux machte also weiter und erdachte sich eine weitere Sendung:"Interneige", was eine Art "Spiel ohne Grenzen" im Winter war und ab 1965 lief (Anmerkung: später auch mit anderen Ländern,jedoch ohne Deutschland).

Dafür brauchte Guy Lux einen Schiedsrichter,der auf dem Eis stehen und sich dort schnell bewegen konnte. Gennaro war zu dem Zeitpunkt einer der bekanntesten Eishockeyschiedsrichter und hatte 1964 die Finalrunde der Olympischen Spiele gepfiffen.So kam Gennaro zu "Spiel ohne Grenzen".

Ende September 1965,also vor 45 Jahren!,rief mich Gennaro eines Tages an und fragte mich,ob ich nicht auch bei "Spiel ohne Grenzen" mitmachen wolle.Gennaro und ich hatten schon gemeinsam einige Eishockeyspiele gepfiffen und sahen uns zudem mehrmals im Jahr zu Schiedsrichtertagungen und Versammlungen des IIHF.Wir kannten uns also sehr gut und deshalb kam er auf mich zu.Ich sagte ihm:Gib mir 3 Tage Zeit zum überlegen.Da ich mit meiner Frau gemeinsam einen Laden betrieb und dort fast täglich von 7 Uhr morgens bis oft 10 Uhr abends beschäftigt war,hatte ich eigentlich beschlossen,es nicht zu machen,gerade wegen der vielen Arbeit in unserem Laden.Doch meine Frau Carla sagte zu mir wörtlich:"Gehe und du wirst viele Menschen kennenlernen."

Und brav,wie ich bin,bin ich ihrem Ratschlag gefolgt.

Nun hat sich "Spiel ohne Grenzen" im Laufe der Jahre ja auch verändert.Änderte sich auch Ihre Tätigkeit als Schiedsrichter?

GP:  Meine erste Sendung war 1966 in Eschwege.Wie schon 1965 traten immer nur 2 Länder gegeneinander an und die Spiele fanden je zur Hälfte in einem der beiden Länder statt.Wir waren mit OMEGASCOPE-Geräten ausgestattet.Wir drückten den Knopf und auch auf den Bildschirmen lief dann die Zeit mit.Ansonsten mussten wir nur die Zeiten nehmen und die Sieger ermitteln.Gennaro in einem der Länder und ich im anderen.

Ganz anderes erwartete uns 1967.Mit dem Einstieg von England und der Schweiz waren es jetzt 6 Teilnehmerländer und die nahmen jetzt alle gleichzeitig teil.Gennaro und ich waren somit ab sofort immer auf dem selben Spielfeld tätig.

Es war jetzt ein richtiges Gewusel von Leuten.Wir mussten allen Teams die Regeln beibringen und das in noch mehr Sprachen.Montags waren die ersten Proben und meistens waren wir von 9 bis 23 Uhr auf dem Spielfeld.

Ich erinnere mich noch,daß die erste Sendung 1967 in einem Vorort von Paris stattfand.Gegen 19 Uhr abends,mitten in den (bei diesem ersten mal chaotischen) Proben wurde per Lautsprecher durchgesagt,daß uns in Kürze ein Minister einen Besuch abstatten wolle.Guy Lux hat darauf ganz cool gesagt:

<< c’est pas un minister qu’il me faut : mais des clous et un marteaux >> 

auf deutsch:Ich brauche jetzt keinen Minister sondern Nägel und einen Hammer. 

Es heißt,daß die Spiele im Laufe der Zeit entschärft wurden,da es teilweise zu Verletzungen gekommen war.Zumindest in einer Regieanweisung von 1968 steht noch,daß "wer sich verletzt soll unverzüglich aus dem Bild kriechen".

GP:  1970 kam Holland als 7.Nation dazu.Gerade bei der ersten Sendung aus den Niederlanden,die in Groningen stattfand, gab es eine schwere Verletzung beim Überspringen eines Pools mit einer Stange.Da brach sich ein Teilnehmer das Bein.Vor der nächsten Sendung gab es eine Sitzung und dabei wurde grob gesagt beschlossen:No animals,no weapons,no nudity,also keine echten Tiere,keine echten Waffen und keine Nackten (die wir ohnehin nie hatten),und zwar ab sofort.Aber es stimmt schon,die Auswahl der Spiele wurde danach kritischer gesehen.Jedoch haben wir schon von Anfang an immer sehr viel Augenmerk auf die Sicherheit der Spieler gelegt.Wer da etwas anderes sagt,ist da nicht "Neutral",um es einmal vorsichtig auszudrücken.

Wurde vor den Sendungen über die Spiele gesprochen und überlegt,ob die Spiele so gespielt werden können oder geändert werden müssen? Waren sie als Schiedsrichter an den Überlegungen beteiligt?

GP:  Die Sendung war schon eine einmalige Co-Produktion mit allen teilnehmenden Ländern.Alle Beteiligten waren bei den Produktionssitzungen Sonntags dabei,auf denen die Spiele vorgestellt und dann angenommen wurden.Diese Produktionssitzungen waren sehr wichtig und dauerten  oftmals bis in die Morgenstunden.In Pisa saßen wir einmal bis um 03.15 Uhr morgens.Oft ging es dabei auch sehr hitzig zu.Und nach den Proben konnten alle noch Verbesserungsvorschläge machen.Dabei waren richtige Freundschaften im ganzen Kernteam entstanden,mit den Linienrichtern,den Regisseuren,den Moderatoren,den Programmdirektoren und allen anderen.Auch die von Gennaro und mir regelmässig veranstaltete "Spaghettiparty" vor jeder Sendung trug dazu bei und alle kamen immer gerne.Wir waren wirklich das,was man als "große Familie" bezeichnet und nicht zuletzt dadurch wurde eine sehr freundschaftliche Atmosphäre geschaffen,die half,die nötige Ruhe zu schaffen.So war es in den ersten Jahren.

In den späteren Jahren wurden die Spiele dann in sogenannten Winterversammlungen vorab vorgestellt und erst einmal oberflächlich besprochen.Den Feinschliff erhielten die Spiele dann erst nach den Proben,da man jetzt sah,wo man noch etwas verbessern konnte.

Wie und von wem wurden denn die Regeln für die Spiele festgelegt?

GP:  Die endgültigen Regeln wurden immer Dienstags nach der Generalprobe in der Produktionssitzung von uns festgelegt.Dies geschah anfangs mündlich,später wurden die Regeln schriftlich abgefasst.Mittwochs morgens vor den Sendungen wurden sie dann mit den Linienrichtern, Moderatoren und Mannschaftsführern durchgesprochen.Natürlich in 4 Sprachen.

Wie war Ihr Kontakt zu den Teams?

GP:  Die Mannschaften lernten wir immer Sonntags kennen.Da kamen alle zusammen und es wurden die Geschenke verteilt.Die Mannschaftsführer lernten natürlich wir besser kennen,da diese ja Sonntags Abends an den Produktionssitzungen teilnahmen um die Spiele kennenzulernen,die Ihnen und Ihren Teams bevorstanden.Da Gennaro und ich dabei auch oft als Dolmetscher aushelfen mussten,gab es zu den Mannschaftsführern schon eine enge Bindung.Auch hier war unser Ziel ganz klar,Freundschaften zwischen den Teams  herbeizuführen. 

Sie haben ja immer sehr fair entschieden und waren meistens sehr grosszügig
zu den Teams.Gab es trotzdem Mannschaften,die sich unfair behandelt fühlten?
Wurde da manchmal vielleicht auch nach den Sendungen noch darüber diskutiert?Und was waren ihre schwierigsten Situationen?

GP:  Sicher gab es hin und wieder trotz aller Bemühungen Proteste.Aber das haben wir wie schon vorher erwähnt durch die feste Bindung,die wir zu den Teams aufbauten,gelöst.Das alles löste sich immer sehr schnell wieder auf.Große Probleme gab es nicht.

Und Gennaro und ich waren immer eine neutrale Truppe.Aber unsere Neutralität wurde auch einige Male auf die Probe gestellt.So zum Beispiel als 1967 unser Heimatland,die Schweiz bei "Spiel ohne Grenzen" einstieg.Und 1971 in Blackpool,als Ascona für die Schweiz teilnahm (Anmerkung:Guido Pancaldi lebt in Ascona) und einer der Teilnehmer mein Sohn Rolando war.

Und vor allem 1979,als der Wettbewerb in Ascona ausgetragen wurde, kaum 900 Meter von meiner Wohnung entfernt,wo ich auch heute noch lebe.Aber wie gesagt,es gab nie Probleme,da wir gewohnt waren,neutral und professionell zu entscheiden.

Gibt es ein Ereignis,an das sie sich bei so vielen Sendungen besonders gut erinnern können?

GP:  Oh,da ist ja immer etwas passiert.An was ich mich besonders gut erinnern kann,ist folgendes:

In den Niederlanden haben wir wenige Minuten vor einer Sendung nochmal ein Spiel probiert.Dabei mussten 5 Spieler einer Mannschaft eine nachgebildete Interkontinentalrakete über ihren Köpfen transportieren.Irgendwie ist diese Rakete bei diesem Test verrutscht und ihr Ende ist mir auf den Kopf gefallen.Es hat nur leicht geblutet,aber ein Arzt musste die Blutung stillen und etwas gegen die Beule tun,die nun entstand.Gennaro hat den Arzt gefragt,ob ich auch bis zum Ende der Sendung durchhalten würde und alle haben herzlich gelacht.So war und bin ich wohl der einzige Mensch,der bís heute von so einer Rakete getroffen wurde. 

Und in Namur fiel mal für 20 Minuten während der Livesendung der Strom aus.Also,es war immer etwas los.

Guido Pancaldi,vielen Dank für dieses Interview und weiterhin alles Gute für Sie.